Der Reutlinger Mutscheltag

 
Jeweils am Donnerstag nach dem Dreikönigstag (dieser Feiertag wird von alten Reutlingern auch als der "Öberste" bezeichnet) findet in Reutlingen der sog. Mutscheltag statt. An diesem "Reutlinger Nationalfeiertag" wird am Abend in vielen Reutlinger Kneipen und Gaststätten um  Mutscheln gewürfelt, wobei es mitunter hoch hergeht und auch ordentlich gebechert wird.
Weitere Fotos von Mutschelrunden findet ihr auf meinem Betzinger Blog: http://betzingen.blogspot.com
Eine Mutschel ist ein mürbes Weißbrotgebäck, das anlässlich des Mutscheltags von den Reutlinger Bäckern in Handarbeit und in verschiedenen Größen hergestellt wird. Eine Mutschel weist acht Zacken ("Zinken"), einen geflochtenen Kranz ("Zopf") und eine würfelförmige Erhebung ("Achalm") auf. Das relativ teure Gebäck (kleinere Mutscheln ca. 3 Euro, große Mutscheln, die sog. "Lokalmutscheln", kosten in der Regel mehr als 20 Euro) wird bereits  Wochen vor dem eigentlichen Mutscheltag und noch eine gewisse Zeit nach diesem Tag in den Bäckereien angeboten.
Das Mutscheln in den Gaststätten hat eine sehr lange Tradition. Schon vor mehreren hundert Jahren wurde in der Freien Reichsstadt Reutlingen bereits um die Mutschel "gezockt" damals allerdings vorzugsweise in den Backstuben und weniger in den Wirtshäusern. Entsprechend merkwürdig muten Uneingeweihten die Namen dieser traditionellen Würfelspiele an: Der Wächter bläst vom Turme oder Der lange Entenschiss oder Die Einsame Filzlaus oder gar Das Nackete Luisle sind die bekanntesten Mutschelspiele.

Hier wird das traditionelle Mutschel-Würfelspiel
"Der Wächter bläst vom Turme" gespielt.

Die meisten der produzierten Mutscheln werden allerdings nicht in verräucherten Lokalen ausgespielt, sondern weit weniger spektakulär zu Hause in den Kaffe getunkt.............

...... denn zweifellos befindet sich der Reutlinger Mutscheltag (leider) ein wenig  auf dem absteigenden Ast und es gibt etliche echte Reutlinger, die inzwischen nicht mehr zum Mutscheln in die Wirtschaften gehen, sondern dies vielfach zu Hause mit Freunden in privatem Rahmen praktizieren. Oder man mutschelt vermehrt in den Vereinsheimen, sofern man ein Vereinsmitglied ist. In den 60er und 70er Jahren taten die Mutschelwilligen jedenfalls gut daran, Wochen vor Weihnachten bereits einen Tisch im z. B. im "Falken" zu reservieren. Was manchem eingefleischten Mutschler natürlich auch nicht passt, ist dass die alten traditionellen Würfelspiele auch immer mehr von anderen alltäglichen Kneipen-Würfeleien wie "Chicago" oder "Mäxle" verdrängt werden. Auch die immer mehr aufkommende Unsitte, um Wurstsalat zu würfeln anstatt um Mutscheln lässt einem "echten" Reutlinger natürlich die Haare zu Berge stehen.

 Mutschelhochburg: Die Gaststätte zum FALKEN

Trotz allem gibt es an  Mutschelrunden an diesem Donnerstagabend keinen Mangel
Mutschelkönig "Wänne"
Her mit den Mutscheln!
Sieben frisst