Der Heusel-Rein als literarische Figur
Der Betzinger Autor Hellmut G. Haasis stellte am 7. November 2008 in einer Performance sein neues Buch "Heisel Rein der Gescheite Narr" vor
Presseberichte über die Perfomance und Rezensionen über das Buch "Heisel-Rein der Gescheite Narr"
Aus den Reutlinger Nachrichten vom 10.11.2008

Ein "gscheiter Narr"
Hellmut G. Haasis liest aus seinem Buch über Heisel Rein
"Ich bin ein Betzinger", so beginnt Hellmut G. Haasis am Freitagabend in einer vollen Zehntscheuer die Geschichte von Heisel Rein. Der "gscheite Narr" wurde 1878 geboren und - 1940 in Grafeneck ermordet.
NORBERT LEISTER

Das Leben des Heisel Rein: Hellmut G. Haasis macht aus der Lesung eine Performance.


Foto: Norbert Leister 

"Ich bin ein Betzinger. Das ist nicht weiter schlimm, vielen anderen gehts auch nicht besser." Diese Ouvertüre zeigt schon, wo es lang geht mit der Geschichte des "Eulenspiegels von der Echaz". So nennt nämlich Hellmut G. Haasis den Heisel Rein, der eigentlich Reinhold Häußler hieß.

In Betzingen habe ihn ab den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts fast bis heute ein jeder gekannt, behauptet Haasis am Freitagabend in einer gut gefüllten Zehntscheuer. "Die Geschichten sind aber drauf und dran, verloren zu gehen."

Über einige Umwege sei Heisels literarischer Nachlass vor der Haustür von Haasis gelandet, mit der kurzen, anonymen (hier ins Hochdeutsche übersetzten) Notiz an den Empfänger: "Wenn du schon nichts Vernünftiges arbeitest, dann kannst du wenigstens die Geschichten vom Heisel Rein rausbringen."

Als der Schriftsteller die Aufzeichnungen des Betzinger "Eulenspiegels" las, habe er sich köstlich amüsiert - und beschlossen, diese Zeilen in einem Buch zusammenzufassen. Was Haasis aber offensichtlich nicht gefiel: Die politische Färbung all der Streiche, die Heisel Rein der Obrigkeit spielte, sei in den mündlichen Überlieferungen mit der Zeit verloren gegangen. Hellmut Haasis habe deshalb in dem vorliegenden Buch eine gewisse "Renovierung - wie bei einer alten Wandmalerei in einer Kirche" - vorgenommen.

Das Publikum in der Zehntscheuer amüsierte sich prächtig über die Geschichten des Heisel Rein: In der Pause gingen die Bücher weg, wie die sprichwörtlichen "warmen Wecken". Und eigentlich war die Lesung weit mehr als das: Haasis untermalte seine Worte mit Kerzenschein und einer "Multimedia-Show" mit alten Bildern aus Betzingen oder von Reinhold Häußler. Zudem beließ der Schriftsteller es nicht allein bei den gelesenen Zitaten - sein Auftritt geriet mehr und mehr zu einer Art Performance, in die Haasis, der auch als Clown Druiknui bekannt ist, zahlreiche schauspielerische Elemente mit einwob. In diesem Stil erzählte der Autor am Freitagabend etwa Geschichten, wie Heisel Rein den Ortspolizisten oder den Betzinger Pfarrer und auch den Spieß beim Militär spitzbübisch an der Nase herumführte.

Musikalisch begleiten ließ sich Hellmut Haasis von Andrej Mouline aus Moskau, einem Virtuosen an der russischen Bajan-Ziehharmonika. Seine Finger schienen fast schon magisch über das Instrument zu fliegen und dabei Melodien aus Argentinien, Frankreich oder Russland zu produzieren - die Zuhörer waren begeistert.

"Ohne das Ende von Heisel Rein in Grafeneck wäre die Geschichte aber nicht vollständig", hatte Bezirksbürgermeister Thomas Keck zum Beginn der Veranstaltung in der Zehntscheuer betont. Und so finden sich auch im Buch von Haasis im zweiten Teil, nach den aufgeschriebenen Schwänken, Texte über den unfassbaren Tod des "Eulenspiegels von der Echaz".

Begonnen hatte das Ende Heisels mit seiner Einweisung in die psychiatrische Anstalt nach Weissenau bei Ravensburg. Von dort aus wurde Reinhold Häußler 1940 mit den grauen Bussen nach Grafeneck abgeholt.

Von dort kehrte er aus dem bekannten Grund nie mehr zurück: Wie 10 653 weitere Menschen wurde auch der "gscheite Narr" dort in der so genannten Aktion T4, einer Probephase der industriellen Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten, ermordet.
 
 

 

Aus dem Reutlinger Generalanzeiger vom 10. Nov. 2008
Lesung - Hellmut G. Haasis präsentiert sein Buch über den Betzinger Eulenspiegel Heisel Rein. 
Das Original foppte Militär, Polizei und Kirche. Sein Ende war tragisch

Humor gegen braune Schreihälse

»Ich bin ein Betzinger. Das ist nicht weiter schlimm, vielen anderen geht's auch nicht besser«. Heisel Reins Geschichten, die in Betzingen und Umgebung bisher nur mündlich überliefert wurden und allmählich in Vergessenheit zu geraten drohten, liegen nun, 68 Jahre nach seinem Tod, publiziert vor. Durch eine Verkettung glücklicher Zufälle landete der Nachlass von Heisel Rein (eigentlich Reinhold Häußler, 1878-1940) eines Tages vor der Haustür des Betzinger Schriftstellers und Künstlers Hellmut G. Haasis.

In keinen anderen Händen wäre der von Zeit gezeichnete Berg dreckiger Papierstücke besser aufgehoben gewesen als in diesen: Hat Haasis doch - das attestierte ihm einst eine Zeitzeugin - eine gewisse Ähnlichkeit mit dem legendären Betzinger Spaßmacher. In einem äußerst humoristischen Rahmen präsentierte Haasis am vergangenen Freitag in der Betzinger Zehntscheuer sein Buch »Heisel Rein - der gscheite Narr«. Für musikalische Untermalung sorgte der russische Bajan-Ziehharmonika-Spieler Andrej Mouline.In seinen Geschichten erzählt das einstige Betzinger Original Heisel Rein, wie er in eulenspiegelhafter Manier Autoritäten foppt - ob Militär, Polizei oder Kirche, keiner ist vor ihm sicher. Seinen Mitbürgern stets willkommene Unterhaltung, sind Reins Streiche lediglich den Obrigkeiten ein Dorn im Auge.

Im Deutschland der 30er-Jahre konnte dies nicht ohne Folgen bleiben - seine Geschichten zeugen davon. Es ist beklemmend, wie sich plötzlich der geistreiche Humor mit der düsteren Realität der politischen Situation mischt. Heisel Rein will sich der Diktatur nicht beugen, rebelliert unverdrossen mit seinem Humor gegen die »braunen Schreihälse«, muss sich letztlich aber doch geschlagen geben.Im Jahr 1940 fällt er, das war bisher noch Wenigen bekannt, der Euthanasie zum Opfer. Heisel Rein wird wie 10 000 andere in Grafeneck ermordet. Bis kurz vor seinem Tod nutzt Rein sein Talent und schildert sein Leben in der Psychiatrie. Spätestens hier wird auch deutlich, warum Heisel Rein ein kluger Narr ist. Beeindruckend, mit welch scharfsinnigem politischem Bewusstsein er die gesellschaftlichen Veränderungen im NS-Staat wahrnimmt und schildert, und wie hellsichtig er schon im Jahr 1939 das Ende des Regimes prophezeit.Hellmut G. Haasis trennt seine Publikation in zwei Abteilungen - hier die humoristischen Schwänke, dort die Ermordung Heisel Reins -, wodurch besonders deutlich wird, dass nicht nur ein rührend-komischer Einblick in die Betzinger Lokalgeschichte der 30er-Jahre vorliegt, sondern auch ein historisches Dokument von nicht zu unterschätzendem Wert. Die Schwänke Heisel Reins sind nun nicht mehr auf mündliche Überlieferung angewiesen und werden folgende Generationen genauso berühren und erfreuen, wie sie es zu Lebzeiten des »gscheiten Narren« taten. Das Buch »Heisel Rein - ein gscheiter Narr«, erschienen im Freiheitsbaum-Verlag, ist im Handel erhältlich.

Heiner Jestrabek (Heidenheim)

Besprechung eines neuen Romans des Georg-Elser-Biografen 
Hellmut G. Haasis: Heisel Rein – der Gscheite Narr. Schwänke und Ermordung eines schwäbischen Eulenspiegels. freiheitsbaum, Reutlingen-Betzingen, 123 Seiten, 12 Euro.

Es ist reizvoll, einen regional auffallenden Autor bei seiner weiteren Entwicklung zu beobachten. Das gilt auch für den Elser-Biografen Hellmut G. Haasis, der sich nach politischen Grundlagenbüchern an einen Roman wagte. Wird der Autor seine Linie aufgeben oder ihr die Treue halten?
Haasis wählt wieder einen kleinen Mann, sogar von noch weiter unten als den Schreiner und Hitler-Gegner Elser. Der Heisel Rein wurde 1878 geboren im Dorf Betzingen, als es noch nicht zu Reutlingen gehörte. Wir haben also einen schwäbischen Dorfroman vor uns.
Heisel Rein hieß eigentlich Reinhold Häußler. Er kam wie Elser aus einer verarmten Familie, lernte keinen Beruf und blieb tief unten in der sozialen Rangordnung. Mit Gelegenheitsarbeiten sich durchzubringen, hatte er keine Lust und wohl auch kein Talent.
Seine Stärke sah er in übermächtiger Fantasie und Freude am öffentlichen Spaß. Wenn ihm eine Idee einfiel, jemand auf die Schippe zu nehmen, spielte er sie öffentlich vor, ohne Vorbilder zu kennen. Er war einer unserer ersten Aktionskünstler. Vergleichbar mit der Jahrhunderte alten Figur des Eulenspiegels.
Viele seiner öffentlichen Späße begannen damit, dass er ungenaue, missverständliche Redewendungen so wörtlich nahm, dass Unsinn herauskam – und diesen Unsinn nun auch inszenierte.
Heisel Rein spottete wohl auf Kosten irgendeiner Person, aber er hütete sich vor Zynismus und Gemeinheiten, wie sie heute unsere Medienproduktionen ausmachen. Auch wenn er jemand einen roten Kopf verschaffte, hinterließen seine Späße keine Bitterkeit, eher kollektive Fröhlichkeit, die den Blamierten zur Nachsicht animierte.
Einer seiner schönsten Späße traf den Betzinger Stadtpfarrer Kappus, einen Frömmler und bemühten Tröster. Als die beiden einmal in der Reutlinger Straßenbahn aufeinander trafen, fing der Heisel Rein an, gottserbärmlich zu jammern. Daran war er ein Meister. Der Pfarrer machte sich flugs ans professionelle Trösten. Nun konnte Heisel Rein vor den Mitfahrenden seinen letzten Traum erzählen. Ihm habe geträumt, er sei in die Hölle gekommen. Dort habe er einen Ohrensessel gesehen, wie ihn einst sein Großvater besaß und den er sich schon lange wünsche. Wie er, der Heisel Rein, sich nun in diesen Sessel setzen will, wird er vom Oberteufel angefahren, er dürfe sich da nicht hinein setzen, dieser Sessel sei reserviert für den Betzinger Stadtpfarrer Kappus. Ein Riesengelächter war der Lohn. Der Pfarrer stieg mit hochrotem Kopf an der nächsten Haltestelle aus.
Schlitzohrig auch der Romanautor: Künftig habe der Pfarrer, wenn er Straßenbahn fahren wollte, stets vorher geprüft, ob der Heisel Rein nicht drin sitze. Wenn in Betzingen sich jemand umblickte, ob nicht ein unangenehmer Mensch in seiner Nähe sei, sagte man, der habe den Kappus-Blick.
Wie kam Haasis auf diesen Spaßvogel? Er machte es wie bei Elser. Er suchte nach Quellen und fand sie, weil er sich darauf versteht, aus den Bergen staatlicher Aktenüberlieferungen die bisher wenig geschätzten Spuren kleiner Freiheitshelden herauszufinden. Denn als so einen versteht der Romanautor den arbeitsscheuen Eulenspiegel. Als die anderen sich duckten und Gewalttäter ans Ruder ließen, griff der Heisel Rein zu einer uralten Waffe des Volks: zur spottlustigen Fantasie.
Um den toten Heisel Rein zum Reden zu bringen, sammelte Haasis die letzte mündliche Überlieferung seines Wohnortes Betzingen. Angefangen von der Schwiegermutter, die ihm schon 1972 sagte, der Rein sei halt ein „gscheiter Narr“ gewesen.
Damit bewiesen die Betzinger ihre Sympathie mit dem Außenseiter. Ein Narr sei er, kein Depp, kein Verrückter, kein Blödmann, sondern einer, der knapp am Narrenhäusle vorbeischrammte, weil man ihn leben ließ. Das Dorf hielt zu ihm. Aber nicht die Obrigkeit. Der Schultes wollte ihn mal einsperren, weil der gscheite Narr nicht zu bewegen war, Polizeistrafen zu bezahlen. Wie der Schultes ihn eines Tages ins Rathaus schleppte und in die Arrestzelle sperren wollte, erwies sich Rein als überlegen, indem er blitzschnell den Schultes selbst ins Loch stieß und den Riegel vorschob.
Ein allgemeines Lachen ging durchs Dorf. Das ging so weiter, bis ein neuer Menschentypus modern wurde. Heisel Rein verspottete in glänzenden Eulenspiegeleien die Massengläubigkeit gegenüber autoritären Typen. Als er 1933 den Führerkult zu verulken begann, wurde das Eis dünner, auf dem er spielte. Er merkte zu spät, dass mit dem Machantritt des Strolchs von Braunau der Humor emigrieren musste.
Nun krochen Arschkriecher aus dem Boden, die den Spötter der Polizei empfahlen. 1934 ließ das Amtsgericht den Verteidiger der Faulheit und des Lachens ins städtische Fürsorgehaus einsperren. Der Schlaumeier entwich. Man verdonnerte ihn zur forensischen Psychiatrie. Ein geschwollenes Wort für die Einschließung in eine Irrenanstalt. Heisel Rein kam in die Anstalt Weissenau bei Ravensburg, konnte auch dort abhauen, wurde aber von der Gestapo geschnappt und erneut eingebuchtet.
Hitler ließ 1940 über 10.600 Kranke und Behinderte durch Graue Busse ins Schloss Grafeneck (bei Münsingen/Schwäbische Alb) entführen und im Gas ermorden.
Wie gestaltet der bisher so sachliche Autor Haasis dieses Schicksal? Mit einer List: Er lässt sich die Geschichten erzählen, und eines Tages legt ihm ein Arbeiter Heisel Reins Aufschriebe vor die Haustür. Sie wären untergegangen, man fand sie kurz vor dem Hausabbruch.
Aus diesen Papieren lässt der Autor den lachenden Helden selbst erzählen, wann der wo was anstellte. So ergaben sich 24 Streiche, die der Autor in der Tradition alter Volksbücher „das erste Buch der Schwänke“ nennt. Mit dem „zweiten Buch von der Ermordung“ stellt er sich dem Problem, wie wir Leser den „Gscheiten Narren“ zum Tod begleiten. Ein heikles Thema, wie es für die Populärliteratur eigentlich nicht sein darf. Ein politischer Tod im Gas der Euthanasie-Mordaktion gilt eher als verkaufsschädigend. Lieber verschweigen.
Aber auch hier hält der Autor seine alte Linie durch, dass er nicht auf Moden Rücksicht nimmt. Er hält sich an die Wahrheit, auch wenn sie weh tut. Wegsehen nützt nichts, verschweigen wird bestraft werden.
Im „zweiten Buch der Ermordung“ klingt ein Krimi an, zur Zeit der Deutschen liebstes literarisches Hobby. Aber Haasis würde sich aufgeben, wenn er hier einen Besserwisser von Kommissar agieren ließe. Er bedient sich der modernsten Erzähltechnik der Romanliteratur: Er lässt unkommentiert verschiedene Gestalten nacheinander auftreten, die mit Heisel Reins Ermordung zu tun haben. Haasis verweigert sich einem billigen Trost moderner Filosofen, die einen versöhnungseifrigen „Engel der Geschichte“ über die Zeit wachen lassen.
Als realistischer Materialist lässt der Autor diesen mehr eingebildeten als machtvollen Engel scheinbar über den Bussen mitfliegen. Der Leser erlebt ernüchternd, wie dieser Engel mit seinen schon oft gebrochenen und reparierten Flügeln nur an die Wände einer Pappschachtel stößt. In dieser wartet er in Wirklichkeit auf der Bühne, bis man ihn am 24. an den Weihnachtsbaum hängen wird.
Mit Leichtigkeit und zugleich Bitterkeit treiben die nächsten Kapitel auf die Ermordung zu. Eine Wache im Bus schimpft vor sich hin, was das für ein Pack sei, das man hier zum Schloss Grafeneck befördern müsse. Der Leiter von Hitlers Tötungsaktion, ein hohes Tier im württembergischen Innenministerium, fertigt mit Zynismus aufgescheuchte Anstaltsleiter ab, die kraftlos Einspruch erheben gegen die Ermordung ihrer Pfleglinge.
Den Weg in die Trostlosigkeit vermeidet der Erzähler, indem er einen ursprünglich von Hitler überzeugten Mann auftreten lässt, der seine ermordete Schwester sehen will und sich zu dem von der Polizei total abgeriegelten Grafeneck wagt. Auch das ist keine Erfindung, sondern ein historisch belegter Fall.
In überlegter Abwechslung lässt der Autor jeder tröstlichen Szene eine böse folgen: Der leitende Tötungsarzt schildert in Auschwitz einer Stuttgarter Parteidelegation, wie er sein blutiges Handwerk der Selektion in Grafeneck lernte.
Das nächste Erzählstück erscheint mir als das stärkste, das hoffnungsvollste: Ein Anstaltsleiter für Taubstumme schreibt verzweifelt an Mutter und Schwester, wie sehr er in seinem Kampf gegen die Tötungspläne isoliert sei. Aber er ist nicht zu beugen und kann Hitler viele Opfer entreißen. Ein kleiner Schindler auf der Alb. Er ist kein angebräunter Deutscher, sondern ein demokratisch erzogener, aufrechter Schweizer. Auch dieser Fall ist nicht erfunden.
Einer der Fahrer predigt vom Dach seines Busses herab, „dass keine Gnade sei“. Eine Umkehrung untauglicher Trostpredigten. Der Roman endet damit, dass der todgeweihte Heisel Rein sein letztes Papier ausstreut, bevor er in den Bus hineingestoßen wird. Abschied vom Leben und zugleich ein Testament der Euthanasie-Opfer. Hier rückt der unscheinbare Eulenspiegel zu den großen Gestalten unseres Volkes auf.
Nach dem Roman folgt ein pfiffiges Interview von Haasis mit einem Stockholmer Eulenspiegel-Forscher. Der Rezensent wird den Eindruck nicht los, dass Haasis hier selbst Eulenspiegel wird und uns auf den Arm nimmt. Ein Foto zeigt ihn als Märchenclown Druiknui, wie er mit einem Floh auf dem Daumen spricht. Das Bild unterschreibt er: „Stockholmer Foto von Prof. Schlagintweit während des Interviews mit mir selbst.“
Dieser Roman ist eine Mischung aus Spaß, menschenfreundlichem Spott und Freude am Verstellen und Spielen. Ein großer Bogen zwischen Lachen und Weinen, zwischen Komödiantischem und Tragischem. Wenn wir schon sterben müssen, so ist doch vorher noch genügend Zeit, uns das Leben mit gemeinsamem Lachen zu erleichtern. In diesem Geist hat der Grafiker Uli Trostowitsch eine Menge origineller Illustrationen geschaffen, die uns beim Durchblättern zum Lesen verleiten.
Eines bleibt am Ende zu bedauern: Der Autor hat die Masse Archivdokumente, die er über diesen Euthanasie-Fall gefunden hat, nicht in den Roman eingearbeitet. Es ist zu hoffen, dass in einer späteren, größeren Fassung des Dorfromans diese Lücke geschlossen wird. Vielleicht in einem „dritten Buch über die Spuren“?

Heiner Jestrabek (Heidenheim)
 

 

Von Betzingen nach Grafeneck
von Silvester Lechner
 

 Hellmut G. Haasis Schwänke und Ermordung eines schwäbischen Eulenspiegels, Reutlingen 2008; 120 S., 12,- €.















 Die Lebensgeschichten der Opfer des Nationalsozialismus sind zum  größten Teil mit ihrer Ermordung verloren gegangen. Wenigstens sind in den letzten Jahren zu den "Nummern" der Opfer in vielen Fällen deren Namen und Lebensdaten erschlossen worden. Ihr Denken und Handeln, ihr Glück und Unglück im Leben sind jedoch nur in Ausnahmefällen erhalten geblieben.
 Was liegt näher, als dass ein Autor reale Bruchstücke eines Lebens zu  einem Lebens-Roman verarbeitet. Natürlich ist das ein gefährliches Unterfangen, wie viele literarische Beispiele – zunehmend auch zur Thematik „NS-Zeit“ - belegen. Denn es liegt nahe, dass in solche Romane mehr vom Autor als von der beschriebenen Persönlichkeit einfließt.

Gute historische Kenntnisse, großes psychologisches Einfühlungsvermögen und eine nicht allzu große schriftstellerische Eitelkeit sind Voraussetzungen, um fiktionale Geschichtsschreibung nicht nur lebendig, sondern auch glaubwürdig und lehrreich werden zu lassen.

In dem neuen historischen Roman von Hellmut G. Haasis, der vor einigen  Jahren eine erfolgreichen Biografie über Georg Elser vorgelegt hatte, sind diese Voraussetzungen weitgehend gegeben, auch wenn in fast jeder Zeile spürbar ist, dass der Autor sich sehr mit dem Schelmisch-Unangepassten seiner Hauptfigur identifiziert.

Haasis wählt einen sozial randständigen Menschen mit dem Spitznamen  „Heisel Rein“, eigentlich Reinhold Häußler, zum „Helden“. Er wurde 1878 in Betzingen geboren, heute ein Stadtteil von Reutlingen. Die Zeit noch mehr als der Autor gliedert die Lebensgeschichte in zwei Teile: in die Zeit vor der „Machtergreifung“ der Nazis und die Zeit danach. Heisel Rein, fürs „anständige“, arbeitsame Leben eines schwäbischen  Dorf-Menschen nicht gemacht, wird zum Spaßvogel, zum liebenswürdigen Spötter und „Narren“. Dabei nimmt er – Haasis protokolliert das 
 gewissermaßen an Hand von 24 Streichen - vor allem die Obrigkeit aufs Korn. Und das wird 1933 noch gefährlicher als zu „normalen“ Zeiten.

Heisel Rein kommt ins „Fürsorgehaus“, dann in die Psychiatrie in der Weissenau bei Ravensburg. Und schließlich steht da 1940 das Schloss in Grafeneck. der Ort der Ermordung von über 10.000 behinderten Menschen.

Das Buch, ein Schelmenroman mit traurigem Ende, ist lebendig und  spannend erzählt und reizvoll illustriert. Leider fehlt eine historisch-dokumentarische Verankerung an Hand der vom Autor gefundenen Quellen. Oder ist alles Fiktion?

Wie auch immer: auch die Fiktion ist lesenswert. (sl)

 

Geschichten vom Heisel Rein in der Zehntscheuer
(Betzinger Blättle vom 14. November 2008

Der Förderverein Ortskern Betzingen trat am letzten Freitag im Rahmen der 750-Jahr-Feier in der Zehntscheuer als Veranstalter auf. Eingeladen hatte die Vorstandsschaft den seit vielen Jahren in Betzingen lebenden Auto Hellmut G. Haasis. Für ihn der richtige Zeitpunkt, seinen Roman "Heisel Rein - der Gescheite Narr" vorzustellen. Rund 150 Interessenten leisteten der Einladung Folge.
Heisel Rein - eine schillernde Person, die Hellmut G. Haasis mit "Eulenspiegeleien" in Verbindung bringt. Belegt wird dies mit vielen Episoden, die durchaus mit und von der gestalterischen Freiheit des Autors leben. Wie der Vorsitzende des Fördervereins, Thomas Keck, gleich in seiner Begrüßung hervorhob, kommt der Heisel Rein 1940 unter die Räder:
Die Nationalsozialisten schickten ihn in Grafeneck zusammen mit vielen anderen in die Gaskammer. "Allen, die dieses Buch lesen", so Keck, "solle das Schicksal des Heisel Rein zur Mahnung dienen, alles zu tun, damit eine solche Schreckensherrschaft unwiederholbar wird." Die Lesung von Hellmut G. Haasis wurde musikalisch von Ziehharmonikaspieler Andrej Mouline begleitet.
 

 Heiner Jestrabek (Heidenheim)
 

Rezension:

Hellmut G. Haasis: Heisel Rein
der Gscheite Narr.
Schwänke und Ermordung eines schwäbischen Eulenspiegels. Roman.
freiheitsbaum, Reutlingen-Betzingen, ISBN 3-922589-32-4, 12 Euro

Georg-Elser-Biograf Hellmut G. Haasis präsentierte seinen neuen Roman. Schon auf den ersten Blick unterscheidet sich diese Neuerscheinung von der üblichen Buchproduktion durch eine ansprechende Grafik, mit hübschem Lesezeichen, historischen und stimmungsvollen Fotos. So taucht man gespannt in einen Stoff ein, der zwar in der schwäbischen Provinz angesiedelt ist, aber auch andernorts für lehrreiche und kurzweilige Lektüre sorgen kann.
Der Roman wurde zu Recht unterstützt vom Förderverein Schwäbischer Dialekt e.V., denn der Autor vermittelt nicht nur Dialekt, sondern auch eine reizvoll Mischung von hochdeutscher schwäbisch eingefärbter Ich-Erzähler-Technik und derb urtümlicher wörtlicher Ausdrucksweise und Akzentuierung des spezifisch Betzingerischen. Wer schon einmal eine Lesung (nicht umsonst Performance genannt) des Autors erlebt hat, kann bei der Lektüre des Heisel durchaus bildlich den schalkvollen Haasis vor sich sehen. Es ist nicht ohne Reiz, einen regional auffallenden Autor bei seiner weiteren Entwicklung zu beobachten. Haasis, der durch seine Elser-Biografie bekannt geworden ist, hat bisher eine imposante Reihe von politischen Sachbüchern veröffentlicht und sich hier an seinen zweiten schwäbischen Roman herangewagt.
Haasis beschreibt also in einem schwäbischen Dorfroman den Heisel Rein (eigentlich Reinhold Häußler) einen gescheiten Narren. Heisel wurde 1878 im Dorf Betzingen geboren, als es noch nicht zu Reutlingen gehörte. Um den toten Heisel zum Reden zu bringen, sammelte Haasis die versiegende mündliche Überlieferung seines Wohnortes Betzingen. Angefangen von der Schwiegermutter, die ihm schon 1972 sagte, der Rein sei halt ein „gscheiter Narr“ gewesen. Wie gestaltete Haasis dieses Schicksal?: Er lässt sich die Geschichten erzählen, und eines Tages legt ihm ein Arbeiter Heisel Reins Aufschriebe vor die Haustür. Sie wären untergegangen, man fand sie kurz vor dem Hausabbruch. Aus diesen Papieren lässt der Autor den lachenden Helden selbst erzählen, wann der wo was anstellte. So ergaben sich 24 Streiche, die der Autor in der Tradition alter Volksbücher „das erste Buch der Schwänke“ nennt. Haasis suchte nach Quellen und fand sie, weil er sich darauf versteht, aus den Bergen staatlicher Aktenüberlieferungen die bisher wenig geschätzten Spuren kleiner Freiheitshelden herauszufinden. Denn als so einen versteht der Romanautor den arbeitsscheuen Eulenspiegel. Wo die anderen sich duckten und Gewalttäter ans Ruder ließen, griff der Heisel Rein zu einer uralten Waffe des Volks: zur spottlustigen Fantasie.
Er kam wie Elser aus einer verarmten Familie. Im Gegensatz zu Elser allerdings erlernte er keinen Beruf und blieb tief unten in der sozialen Rangordnung. Seine Stärke sah er in übermächtiger Fantasie und endloser Freude am Spaß. Wenn ihm eine Idee einfiel, jemand auf die Schippe zu nehmen, spielte er sie öffentlich vor, ohne Vorbilder zu kennen. Er war einer unserer ersten Aktionskünstler. Durchaus vergleichbar mit der Figur des Eulenspiegels. Viele seiner öffentlichen Späße begannen damit, dass er ungenaue, missverständliche Redewendungen so wörtlich nahm, dass Unsinn herauskam – und diesen Unsinn nun auch inszenierte. Heisel spottete zwar auf Kosten irgendeiner Person, aber er hütete sich vor Zynismus und Gemeinheiten, wie sie heute unsere Medienproduktionen ausmachen. Auch wenn er jemand einen roten Kopf verschaffte, hinterließen seine Späße doch keine Bitterkeit, eher kollektive Fröhlichkeit, die den Blamierten zur Nachsicht animierte.
Einer seiner schönsten Späße traf den Betzinger Stadtpfarrer Kappus, einen Frömmler und bemühten Tröster. Als die beiden einmal in der Reutlinger Straßenbahn aufeinander trafen, fing der Heisel Rein an, gottserbärmlich zu jammern. Darin war er ein Meister. Der Pfarrer machte sich flugs ans professionelle Trösten. Und nun konnte Heisel Rein vor den Mitfahrenden seinen letzten Traum erzählen. Ihm habe geträumt, er sei in die Hölle gekommen. Dort habe er einen Ohrensessel gesehen, wie ihn einst sein Großvater besaß und den er sich schon lange wünsche. Wie er, der Heisel Rein, sich nun in diesen Sessel setzen will, wird er vom Oberteufel angefahren, er dürfe sich nicht hinein setzen, dieser Sessel sei reserviert für den Betzinger Stadtpfarrer Kappus. Der Pfarrer stieg mit hochrotem Kopf an der nächsten Haltestelle aus. Schlitzohrig auch der Romanautor: Künftig habe der Pfarrer, wenn er Straßenbahn fahren wollte, stets vorher geprüft, ob der Heisel Rein nicht drin sitze. Wenn in Betzingen sich jemand umblickte, ob nicht ein unangenehmer Mensch in seiner Nähe sei, sagte man, der habe den Kappus-Blick.
Die Betzinger bewiesen ihre Sympathie mit dem Außenseiter. Ein Narr, aber kein Depp, kein Verrückter, kein Blödmann, sondern einer, der knapp am Narrenhäusle vorbeischrammte, weil man ihn leben ließ. Das Dorf hielt zu ihm. Aber nicht die Obrigkeit. Der Schultes wollte ihn mal einsperren, weil der gscheite Narr nicht zu bewegen war, Polizeistrafen zu bezahlen. Wie der Schultes ihn eines Tages ins Rathaus schleppt und in die Arrestzelle sperren will, erweist sich Rein als überlegen, indem er blitzschnell den Schultes selbst ins Loch stößt und den Riegel vorschiebt. Ein allgemeines Lachen ging durchs Dorf. Das ging so unbekümmert weiter, bis ein neuer Menschentypus modern wurde. Heisel Rein verspottete in glänzenden Eulenspiegeleien die Massengläubigkeit gegenüber autoritären Typen.
Als er um 1933 den Führerkult zu verulken begann, wurde das Eis dünner, auf dem er spielte. Er merkte zu spät, dass mit dem Strolch von Braunau auch der Humor emigrieren musste. Nun krochen Arschkriecher aus dem Boden, die den Spötter der Polizei empfahlen. 1934 ließ das Amtsgericht den Verteidiger der Faulheit und des Lachens ins städtische Fürsorgehaus einsperren. Der Schlaumeier entwich. Man verdonnerte ihn zur forensischen Psychiatrie. Ein geschwollenes Wort für die Einschließung in eine Irrenanstalt. Heisel Rein kam in die Anstalt Weissenau bei Ravensburg, konnte auch dort abhauen, wurde aber von der Gestapo geschnappt und erneut eingebuchtet. Hitler ließ 1940 über 10.600 Kranke und Behinderte durch Graue Busse ins Schloss Grafeneck (bei Münsingen/ Schwäbische Alb) entführen und im Gas ermorden.
Mit dem „zweiten Buch von der Ermordung“ stellt er sich dem Problem, wie wir Leser den „Gscheiten Narren“ zum Tod begleiten. Ein heikles Thema, wie es für die Populärliteratur eigentlich nicht sein darf. Ein politischer Tod im Gas der Euthanasie-Mordaktion gilt eher als verkaufsschädigend. Lieber verschweigen. Aber auch hier hält der Autor seine alte Linie durch, dass er nicht auf Moden Rücksicht nimmt. Er hält sich an die Wahrheit, auch wenn sie weh tut. Wegsehen nützt nichts, Verschweigen wird bestraft werden.
Im „zweiten Buch der Ermordung“ klingt ein Krimi an, zur Zeit der Deutschen liebstes literarisches Hobby. Aber Haasis würde sich aufgeben, wenn er hier einen Besserwisser von Kommissar agieren ließe. Er bedient sich der modernsten Erzähltechnik der Romanliteratur: Er lässt unkommentiert verschiedene Gestalten nebeneinander auftre-ten, die mit Heisel Reins Ermordung zu tun haben. Haasis verweigert sich einem billigen Trost moderner Filosofen, die einen versöhnungs-eifrigen „Engel der Geschichte“ über die Zeit wachen lassen.
Als realistischer Materialist lässt der Autor diesen mehr eingebildeten als machtvollen Engel scheinbar über den Bussen mitfliegen. Der Leser erlebt ernüchternd, wie dieser Engel mit seinen schon oft gebrochenen und reparierten Flügeln nur an die Wände einer Pappschachtel stößt. In dieser wartet er in Wirklichkeit auf der Bühne, bis man ihn am 24. Dezember an den Weihnachtsbaum hängen wird. Mit Leichtigkeit und zugleich Bitterkeit treiben die nächsten Kapitel auf die Ermordung zu. Eine Wache im Bus schimpft vor sich hin, was das für ein Pack sei, das man hier zum Schloss Grafeneck befördern müsse. Der Leiter von Hitlers Tötungsaktion, ein hohes Tier im württembergischen Innnenmini-sterium, fertigt mit Zynismus aufgescheuchte Anstaltsleiter ab, die kraftlos Einspruch erheben gegen die Ermordung ihrer Pfleglinge.
Den Weg in die Trostlosigkeit vermeidet der Erzähler, indem er einen ursprünglich von Hitler überzeugten Mann auftreten lässt, der seine ermordete Schwester sehen will und sich zu dem von der Polizei total abgeriegelten Grafeneck wagt. Das ist übrigens keine Erfindung, sondern ein historisch belegter Fall.
In strenger Abwechslung lässt der Autor jeder tröstlichen Szene eine böse folgen: Der leitende Tötungsarzt schildert später in Auschwitz einer Stuttgarter Parteidelegation, wie er sein „Handwerk“ in Grafeneck lernte.
Das nächste Erzählstück erscheint mir als das stärkste, das hoffnungsvollste: Ein Anstaltsleiter für Taubstumme schreibt verzweifelt an Mutter und Schwester, wie sehr er in seinem Kampf gegen die Tötungspläne isoliert sei. Aber er ist nicht zu beugen und kann Hitler viele Opfer entreißen. Ein kleiner Schindler auf der Alb. Er ist kein angebräunter Deutscher, sondern ein demokratisch erzogener, aufrechter Schweizer. Auch dieser Fall ist nicht erfunden.
Einer der Fahrer predigt vom Dach seines Busses herab, „dass keine Gnade sei“. Eine Umkehrung untauglicher Trostpredigten. Der Roman endet damit, dass der todgeweihte Heisel Rein sein letztes Papier ausstreut, bevor er in den Bus hineingestoßen wird. Abschied vom Leben und zugleich ein Testament der Euthanasie-Opfer. Hier rückt der unscheinbare Eulenspiegel zu den großen Gestalten unseres Volkes auf.
Nach dem Roman folgt ein Interview von Haasis mit einem Stockhol-mer Eulenspiegel-Forscher. Der Rezensent wird den Eindruck nicht los, dass Haasis hier selbst Eulenspiegel wird und uns auf den Arm nimmt. Ein Foto zeigt ihn als Märchenclown Druiknui, wie er mit einem Floh auf dem Daumen spricht. Dieses Bild unterschreibt er: „Stockholmer Foto von Prof. Schlagintweit während des Interviews mit mir selbst.“
Dieser Roman ist eine Mischung aus Spaß, menschenfreundlichem Spott und Freude am Verstellen und Spielen. Ein großer Bogen zwischen Lachen und Weinen, zwischen Komödiantischem und Tragischem. Wenn wir schon sterben müssen, so ist doch vorher noch genügend Zeit, uns das Leben mit gemeinsamem Lachen zu erleichtern. In diesem Geist hat der Grafiker Uli Trostowitsch eine Menge origineller Illustrationen geschaffen, die allein schon uns beim Durchblättern zum Lesen verleiten.
Eines bleibt am Ende zu bedauern: Der Autor hat die Masse Archivdokumente, die er über diesen Euthanasie-Fall gefunden hat, nicht in den Roman eingearbeitet. Es ist zu hoffen, dass in einer späteren, größeren Fassung des Dorfromans diese Lücke geschlossen wird. Vielleicht in einem weiteren Buch seiner umfangreichen Dokumentation „Spuren der Besiegten“?

 

Ein Schwäbischer Eulenspiegel zu Gast 

STUTTGART. (dhuw/hpd) Mitte März 2010 stand beim Senioren- und Freundeskreis der Humanisten Württemberg eine ganz besondere Buchvorstellung auf dem Programm: Der Autor und Freidenker Hellmut G. Haasis stellte eindrücklich seinen dokumentarischen Roman „Heisel Rein der gescheite Narr“ vor, über den noch viel zu unbekannten Betzinger Eulenspiegel und sympathischen Spötter.

Ein schwäbischer Eulenspiegel ist auch Hellmut G. Haasis selbst. Und wie er die Streiche des 1878 im Dorf Betzingen bei Reutlingen geborenen Heisel Rein (eigentlich Reinhold Häußler) vorträgt, das ist eine wahre Freude.

Dass Haasis den Heisel Rein überhaupt für sich entdeckt hat, ist einer Verstrickung aus glücklichen Zufällen geschuldet, angefangen bei einem Kommentar seiner Schwiegermutter („Du kommst mir grad so vor, wie der Heisel Rein“), als er von diesem noch nichts gehört hatte. Nach und nach trägt Haasis in Betzingen die verschiedenen Geschichten vom gescheiten Narr zusammen, dann die Entdeckung des Manuskripts „Meine Schwenke“ von Heisel Rein, weitere Recherchen folgen. So kann der Autor ein authentisches und pointiertes Bild zeichnen von diesem schwäbischen Unikat, das mit Spott, Fantasie und Mut jegliche Autorität auf die Schippe nahm, sei es das Militär, die Polizei oder die Kirche.

Sein Ende jedoch war tragisch. Es nahm seinen Anfang 1933, als er den Führerkult zu verulken begann. Heisel Rein wurde 1934 zur forensischen Psychiatrie verurteilt und in die Anstalt Weissenau gesteckt. Einmal konnte er von dort noch fliehen, wurde aber von der Gestapo alsbald wieder verhaftet. 1940 dann wurde auch er, wie 10.653 weitere Menschen, von den Grauen Bussen nach Grafeneck geschafft und dort von den Nationalsozialisten im Gas ermordet.

Das Schicksal dieses kritischen Spötters machte betroffen und stimmte die Zuhörer im Humanistischen Zentrum nachdenklich. Bei der anschließenden Diskussion wurden auch Parallelen zu unserer heutigen Zeit gezogen und die Bedeutung von kritischen Zeitgenossen und auch von mutigen Eulenspiegeln hervorgehoben. Hellmut G. Haasis bietet mit seinem Roman über Heisel Rein Inspiration – und eine bereichernde Leküre. Der Roman „Heisel Rein der gescheite Narr“ ist in der 7. Auflage im Freiheitsbaumverlag erschienen.

Julia von Staden
 

Ortsvorsteher landet in der Zelle

Schwarzwälder-Bote 18.11.2010 

Von Marly Scharnowski

Rottenburg-Seebronn. Frauke Grammer, Inhaberin des Haarstudios Rapunzel in Seebronn, hatte zur Lesung mit dem Betzinger Schriftsteller Hellmut G. Haasis eingeladen. Grammer hatte als Verfechterin der Kleinkunst eine ähnliche Lesung vergangenes Jahr mit Erfolg veranstaltet. Und warum sollte der Veranstaltungsort nicht auch ein Friseursalon sein?

Vor interessiertem Publikum, das sich in fast familiärer Atmosphäre zusammengefunden hatte, verlas Haasis Szenen aus seinem Buch: "Heisel Rein, der Gscheide Narr". Der Heisel Rein war ein Schlitzohr beziehungsweise Eulenspiegel, der in Betzingen von 1879 bis 1940 gelebt und gewirkt hat. Leidenschaftlich trug Haasis einzelne Passagen aus dem Leben von Heisel vor. So wollte beispielsweise der Betzinger Buckelschultes den Rein in die Arrestzelle im Rathaus einsperren, weil er im Dorf herumgegrölt hatte. Vor der geöffneten Zellentür gab der Rein dem Schultes einen Stoß und der Ortsvorsteher selbst war nun der Gefangene. Heisel Rein schloss die Zelle sorgfältig ab, nahm auch noch die Tabakspfeife und den Hut des Bürgermeisters an sich und begab sich in dessen Dienstzimmer. Dort rauchte er unter dem Gelächter der Bevölkerung die Pfeife des Bürgermeisters zum Fenster hinaus, die Leute fröhlich mit dem Hut des Ortsvorstehers grüßend.

Das Publikum, mit hauseigenem Most und Butterbrezeln verwöhnt, genoss die Atmosphäre und die Lesung, es wurde geplaudert und viel gelacht. Manche Episoden aus früheren Seebronner-Zeiten kamen so wieder an den Tag, vielleicht werden diese auch einmal aufgegriffen, wie die Geschichten vom Heisel Rein.