Schlittengaul Fahrer
Ein Schlittengaul ist eine gelungene Symbiose aus Schaukelpferd und Schlitten. Dieses Wintersportgerät hat in Betzingen schon eine sehr lange Tradition, früher durfte ein Schlittengaul in keiner Betzinger Familie fehlen. Die Gäule (einige Exemplare sind auch im Betzinger Heimatmuseum ausgestellt) waren hinsichtlich ihres Aussehens und ihrer Bemalung kleine Kunstwerke, auf der Querstrebe zwischen den Vorderbeinen des Gaules gab meistens noch eine Jahreszahl Auskunft über das Alter des Schlittengaules.Der Schlittengaul eignete sich hervorragend dazu, kleinere auf dem Gaul sitzende Kinder zu transportieren, da jeder Gaul auch eine Leine hatte, mittels der er gezogen werden konnte. Für Bergabfahrten war der Schlittengaul jedoch nur bedingt geeignet. Der Schlitten erreichte zwar respektable Geschwindigkeiten, aber er überschlug sich ziemlich leicht. Für jüngere Kinder ein absolutes Handicap, denn diese mussten dicht beim Hals des Gaules sitzen, um die dort angebrachten Haltegriffe erreichen zu können. Dadurch verlagerte sich der Schwerpunkt nach vorne, was zur Folge hatte, dass die geringste Bodenwelle bei einer Abfahrt den Schlittengaul nach vorne zum Überschlag brachte. In meiner Kinderzeit musste ich dies mehr als einmal schmerzlich erfahren.
Auch der links abgebildete Schlittengaul-Pilot aus den 30er Jahren traut der Sache offensichtlich nicht so recht......

 
Der größte Teil der heute noch in Betzingen  vorhandenen Schlittengäule wurden vom Wagnermeister Willi Sauer ("Wägner") in Handarbeit angefertigt. Diese Wagnerei - und somit auch die einzige Produktionsstätte der Betzinger Schlittengäule befand sich in einem Trippelhaus in der Auwiesenstraße. Die Türe links am Trippelaufgang führte in die Werkstatt des "Wägners".

 


Geburtsstätte von so manchem Betzinger Schlittengaul: Die Wagnerei Sauer in der Straße "Im Gässle"

 
Die Betzinger Schlittengäule gerieten in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr in Vergessenheit und fristeten ein unbeachtetes Dasein auf den Betzinger Dachböden. Ludwig Beck von der Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins Betzingen und selbst Halter eines stattlichen Schlittengaul Schimmels, hatte die Idee für ein "Revival" der inzwischen rar gewordenen Sportgeräte. Er organisierte ein Betzinger Schlittengaul Treffen bei guter Schneelage am Wackersbrunner Hang. Diese Veranstaltung war ein voller Erfolg und wurde auch von der örtlichen Presse gebührend gewürdigt. Von einer lokalen Rundfunkanstalt wurde das Ereignis sogar live übertragen.
Mein eigener Schlittengaul - ein Brauner - datiert aus dem Jahre 1893. Leider brach bei einer allzu wilden Talabfahrt ein Teil des Maules weg......... Der Schimmel von Ludwig Beck, dem Organisator des Betzinger Schlittengaul Treffens präsentiert sich trotz seines Alters (1907) in sehr gutem Zustand.
Fotos vom 1. Betzinger Schlittengaul-Treffen des Schwäbischen Alb Vereins im Winter 2003
Betzinger Schlittengäule aus dem Heimatmuseum
Der Schlittengaul des Kunstmalers Karl Digel
Fertige Schlittengäule warten bei Wagner Sauer auf ihre neuen Besitzer
Foto mit Seltenheitswert: Der Reutlinger OB Oskar Kalbfell auf einem Betzinger Schlittengaul