In Betzingen produziert: Höhenleitwerke und Tragflächen für V1  Raketen

 
Eine V1 Flugbombe - der offizielle Name lautet Fieseler Fi 103 - ausgestellt im Raketenmuseum in Peenemünde. Die Tragflächen und die Höhenleitwerke für diese "Vergeltungswaffe" wurden in Betzingen in der Wannweilerstraße von der Firma Heim hergestellt. Von Juni 1944 bis März 1945 wurden fast 23000 solcher V1 Raketen abgeschossen. Ihr Ziel: Brüssel, Antwerpen, London. Allerdings erreichte über die Hälfte der abgeschossenen V1 Flugbomben ihr Ziel nicht. Manche stürzten aufgrund versagender Technik gleich nach dem Start ab, die meisten wurden jedoch von britischen Abfangjägern während des Fluges zum Absturz gebracht. 
Mit einer Geschwindigkeit von knapp 600 km/h konnte die V1 von den schnellen britischen Spitfire eingeholt werden. Neben dem direkten Abschuss, für den Jäger wegen des großen Sprengkopfs der V1 allerdings nicht ungefährlich, haben einige Piloten eine andere Methode benutzt, eine V-1 zum Absturz zu bringen: Gelang es, den Flügel der V-1 mit dem eigenen Flügel weit genug anzuheben, dann wurde der querruderlose Flugkörper instabil, die Kreiselsteuerung versagte und die Fi 103 stürzte ab. Das rechte Bild zeigt einen britischen Abfangjäger, der eine V1 zum Absturz bringen will.

 
In Betzingen von der Fa. Wilhelm Heim hergestelltes Höhenleitwerk einer V1-Flugbombe aus Eisenblech. (205x60x15 cm). Obwohl an der Produktion von Massenvernichtungswaffen unmittelbar beteiligt, firmierte man offiziell unter der harmlosen Bezeichnung " Wilhelm Heim - Eisen- und Holzwerke". Die Firma produzierte fast ausschließlich mit Fremdarbeitern und unter größtmöglichster Geheimhaltung, so dass nur sehr wenige Betzinger Einwohner wussten, was tatsächlich in den Fabrikationshallen hergestellt wurde.

Als im August 1943 die Produktion der "Vergeltungswaffe" V1 beginnen sollte, wurde gleichzeitig mit den VW-Werken ein Unternehmen aus Betzingen als Zulieferfirma für den Bau der Flugbombe beauftragt. Die Esslinger Firma Wilhelm Heim, die seit 1938 in einem Shedbau der früheren Strumpffabrik Schickhardt Spinde für die Wehrmacht produzierte, übernahm 1943 die Herstellung der Tragflächen und der Höhenleitwerke für die Fieseler Fi 103.

 Ab Sommer 1944 wurden die in Betzingen produzierten Höhenleitwerke in das berüchtigte KZ Dora-Mittelbau bei Nordhausen (ein Außenlager vom KZ Buchenwald) geschafft, weil sich dort unterirdische Produktionsstätten für V1 und V2 Raketen befanden.
Link anklicken um mehr über das KZ Dora-Mittelbau zu erfahren
http://www.dora.de
Insgesamt wurden 1944/45 mehr als 30000 Flugbomben vom Typ V1 produziert. Wie groß der Anteil der von Heim gefertigten Tragflächen und Höhenleitwerke dabei war, ist  nicht bekannt. Wegen der großen Zahl der Beschäftigten (ca. 500) ist jedoch anzunehmen, dass der Großteil der V1 Tragflächen in Betzingen produziert worden ist. Ich selbst habe bislang auch noch keine Informationen über eventuelle weitere Standorte der V1 Tragflächenproduktion erhalten können.
Alte Bewohner Betzingens erinnern sich zudem daran, dass in den letzten Kriegsjahren die mit Tragflächen und Leitwerken beladenen Waggons der Eisenbahn zum alltäglichen Bild des Betzinger Bahnhofs gehörten. Bei Kriegsende lagerten auf dem Gelände der Fa. Heim noch riesige Mengen von solchen Tragflächen, von denen ein Großteil an die Firma Braun&Kemmler ging (BEKA), die das Zeug zur Herstellung von Herden und Kochtöpfen verwendete. Auch Privatleute holten die Überreste der V1 Produktion gleich "schubkarrenweise" ab, z.B. um Gartenlauben oder Hasenställe abzudecken.
 
 

Die links abgebildete Tragfläche einer V1 Rakete lagerte beispielsweise 50 Jahre lang in einer Scheune in Ohmenhausen, im unteren Bereich der Tragfläche wurden 2 größere Stücke herausgeschnitten und zum Flicken eines kaputten Kessels benutzt.

Reste der ehemaligen Verladestation am Betzinger Bahnhof. Von dieser Rampe aus wurden die
in Betzingen produzierten V1 Flügel nach Dora Mittelbau gebracht
Blick in die Tragflächenproduktion um 1944. Für diese Herstellung wurden von der "Fa. Heim Eisen- u. Holzwarenfabrik" ca. 500 Zwangsarbeiter eingesetzt.
Trotz der der sicher nicht immer guten Qualität der Heim-Produkte, der vielen technischen Pannen, der geringen Trefferquote und trotz der leichten Einholbarkeit durch Abfangjäger war das Zerstörungswerk der V1 groß: 

In England und Belgien wurden durch diese Fernwaffen über 15000 Menschen getötet. Hinzu kommt jedoch noch, dass im KZ Dora-Mittelbau 20000 von 60000 Häftlingen durch Arbeit vernichtet wurden.........

Damit hält die V1 einen makabren Rekord: Es ist wohl die einzige Waffe weltweit, deren Herstellung mehr Menschenleben forderte als ihre spätere Anwendung

 


 
In Betzingen von 500 Zwangsarbeitern in den Jahren 1943 und 1944 produziert: 

Tragflächen und Stabilisatoren, aber auch Höhenleitwerke für Hitler's "Wunderwaffen" V1


 
Eine Karte vom August 1944 eines belgischen Zwangsarbeiters an seine Eltern in Brüssel
Als Absender: Lew Kerseleers bei Fa. Heim Wannweiler Str. 11 Reutlingen-Betzingen Württemberg Deutschland
Marc Simal aus Belgien schickte uns diese Postkarte, die im Juli 1944 in Betzingen abgestempelt wurde und nach Belgien geschickt wurde. Sein Stiefvater Evrard Célestin war in den Jahren 1944 und 1945 als einer von über 500 Zwangsarbeitern bei der Firma Wilhelm Heim in der Wannweiler Straße beschäftigt. 

Aus den Erzählungen seines Stiefvaters weiß Marc auch, dass Evrard Celestin in einem Barackenlager untergebracht war - vermutlich in einer der Baracken an der König-Karlshöhe, von denen nur noch eine steht und in der heute der Jugendclub STYLE, vormals TEAM 65 untergebracht ist. Im Lager hätte ein Mann namens "Walz" die Aufsicht gehabt.

Evrard Célestin wurde in Betzingen auch bei Baumfällarbeiten eingesetzt und beim Transport von Eisenblechen vom Bahnhof in die Wannweilerstraße. Nach den Luftangriffen auf Reutlingen musste er auch bei den Aufräumungsarbeiten helfen.

Ich kann das Handschriftliche leider nur zum Teil entziffern, aber er schreibt eher positiv über Betzingen und über sein Zwangsarbeiter Dasein. Kann jemand alles lesen und den französischen Text übersetzen?

Eine Karte vom Juli 1944 eines belgischen Zwangsarbeiter

 
Einige Relikte aus der Tragflächenproduktion:
 
Blechstück unter dem Höhenleitwerk
Hecksegment
Eine Rippe der Tragflächen
Hinterer Tragflächenholm

 
Es ist zwar selten, aber manchmal taucht noch eine solche V1 Tragfläche aus der Produktion der Fa. Heim unverhofft auf. Für eine geplante Ausstellung im Wannweiler Rathaus im Jahr 2000 suchten die beiden "Macher" der Ausstellung, Walter Ott und Botho Walldorf, auf dem Gelände des alten Bauhofs in Wannweil nach weiteren möglichen Exponaten.

Sie hofften dort landwirtschaftliche Gerätschaften und Werkzeuge zu finden für die Ausstellung "Wannweil im vergangenen Jahrhundert". In einer vom Bauhof genutzten Scheune stieß Walter Ott beim Stochern im Heu auf Blech und legte zwei Tragflächen einer V1 frei. Die Tragflächen befanden sich in einem sehr guten Zustand, vermutlich lagen sie schon seit 1945 in dieser Scheune im Heu. Sogar eine Aufschrift mit Kreide "Ausschuß" war gut erhalten.

Die von Walter Ott und Botho Walldorf gefundenen V1 Tragflächen befinden sich heute im Heimatmuseum Reutlingen.

Botho Walldorf am Fundort
Copyright © dieser 3 Fotos vom Scheunenfund liegt bei Walter Ott, Wannweil. Vielen Dank Herr Ott für die Erlaubnis, die Bilder hier zeigen zu dürfen und für Ihre Informationen

 
Walter Ott hat die Flügel ins Freie gebracht
Gut erhaltene Kreideaufschrift: Ausschuß
Im Reutlinger Heimatmuseum
Friedlich vereint im Heimatmuseum: Die Funde aus Ohmenhausen (links)
und die Funde von Walter Ott und Botho Walldorf aus Wannweil (rechts)
Höhenleitwerk und V1 Tragfläche aus Ohmenhäuser Scheune
Hecksegment einer V1
Nachträglicher Glückwunsch an Walter Ott und Botho Walldorf aus Wannweil zu diesem historisch wichtigen Fund. Ich selbst vertrete die Meinung, dass es wahrscheinlich noch weitere bislang unentdeckte Tragflächen aus der Betzinger V1 Flügel Produktion geben muss, irgendwo vergessen oder zweckentfremdet. So erfuhr ich z.B. von einem alteingesessenen Betzinger, dass im Keller eines Hauses in der Steinachstraße mehrere Tragflächen gelagert waren, die er selbst einmal in Augenschein genommen hatte. Das Haus wurde allerdings schon vor Jahren abgerissen, wobei wahrscheinlich auch die Tragflächen "entsorgt" wurden. Bevor die ehemaligen Produktionsstätten im Jahr 2005 abgerissen wurden habe ich noch einmal die aufgelassenen Gebäude und Schuppen allesamt durchkämmt, es war jedoch nichts mehr zu entdecken. Es empfiehlt sich aber dennoch, bei Spaziergängen oder Radfahrten öfters mal einen Blick auf Gartenhäuschen oder Lauben oder Hasenställe zu werfen.....
Juli 2005: Die ehemaligen Produktionsstätten werden abgerissen   LINK