Transportwesen im alten Betzingen und auch anderswo....

 
Meist wurden die Säcke von sog. "Sackmalern", denen ein zweifelhafter Ruf anhing, beschriftet. Sie zogen von Dorf zu Dorf, rührten ein schwarzes und haltbares Gemisch aus Leinöl, Bleiglätte und Ruß an und übertrugen diese Farbe mit einer Schablone auf die Säcke
 
 
Bis zur Vereinheitlichung der Maße und Gewichte im Jahre 1875 wurden die Ernteerträge durch Hohlmaße mit der Bezeichnung Simri, dies entsprach 22 Liter, gemessen und in strapazierfähigen Säcken in die Mühle gefahren. Um Verwechslungen auszuschließen, versah der jeweilige Eigentümer die Säcke mit seinem Namen, außerdem wurden die Säcke durchnummeriert. Wie die Jahreszahl auf dem Sack zeigt, blieb dieser auch nach der Maßvereinheitlichung für Transportzwecke in Gebrauch. Dieser links abgebildete Sack stammt aus dem "Nachlass" meines Großvaters Daniel Früh, der wahrscheinlich hauptsächlich Obst in diesen Säcken transportiert haben wird, vermutlich mit Hilfe seines grünen Handkarrens, dem "Leutschinder" (siehe unten)

 

 
Der zweirädrige Handkarren, im Voksmund auch "Leutschinder" genannt, war wichtiges Transportmittel. Meist diente er zum Transport des Brennholzes, wurde oft aber auch verwendet um Grünfutter für die Tiere zu holen oder sperrige Lasten von hier nach dort zu bringen. Bei unebenen Straßen und vor allem an Steigungen wurde die Handhabung dieses Karrens zur Tortur, daher der Name. Für die Kleinlandwirte blieb der "Leutschinder" bis in die 50er Jahre hinein ein nützliches, billiges Transportmittel im Alltag, auf der Wiese, auf dem Acker und im Wald.
Viel bequemer als mit dem "Leutschinder" ging es natürlich mit dem Ochsengespann. Die gutmütigen Tiere wurden für vielerlei Transportaufgaben herangezogen.......
Links ein Ochsenfuhrwerk in der Betzinger Hoffmannstraße
..... ehe sie von den Traktoren verdrängt wurden. Im Bild ein Fendt-Dieselross aus den frühen 50ern, in unserer Gegend ein bevorzugtes Traktor-Genre der Kleinbauern. Die meisten  waren sog. "Fabrikbauern", d.h. sie gingen einer regelmäßigen Beschäftigung in einem Reutlinger Industriebetrieb nach und trieben ihre Landwirtschaft nebenberuflich nach Feierabend um. Deswegen genügte ihnen auch ein eher klein geratener Traktor.
Außerhalb der Landwirtschaft im Bereich der Kleinunternehmen tauchten die damals modernen und kostengünstigen Nutzfahrzeuge wie der im Bild zu sehende Opel Blitz (die gesamte Fahrzeugflotte der Coca-Cola-Werke in Betzingen bestand aus solchen) oder der allgegenwärtige VW Bulli in Transporter-  oder Busform auf. Auch Kleinlastwagen der Fa. Borgward oder Lloyd waren häufig anzutreffen. Bis in die 80er Jahre hinein war z.B. der grüne Borgward LKW  der Betzinger Mühle (trotz seines gesegneten Alters absolut rostfrei und zuverlässig) ein Fahrzeug, dem man sehr oft auf Betzingens Straßen begegnete......

 
Für viele Transportaufgaben in Betzingen war der "Güterbeförderer Leibssle" zuständig. Das linke Bild zeigt ihn mit seinem LKW in der Betzinger Schickhardtstraße in den 1940er Jahren


  der Goliath 
Sehr verbreitet waren auch die dreirädrigen Lieferwagen wie  der Goliath. Für die kleinen Gewerbetreibenden war er unverzichtbares Transportmittel. Insbesondere Gärtner und Milchhändler schienen auf das Dreirad eingeschworen zu sein.
Beim Individualverkehr war der Fächer natürlich weit gestreut. Wer es sich leisten konnte - und in Reutlingen, der Stadt der Millionäre - waren es damals nicht einmal wenige, fuhr Opel Kapitän (im Bild zu sehen). In diesen Zeiten  das Non-plus-ultra mit höherem Statuswert als z.B. ein Mercedes. Die meisten jedoch mussten sich mit einem VW, einem Opel Rekord, einem Ford Taunus oder dergleichen begnügen .........
....oder mit noch bescheideneren Fahrzeugen auskommen wie z.B. mit dem Lloyd 400, im damaligen Jargon auch "Flüchtlingsporsche" oder "Leukoplastbomber" genannt........
...... falls sich sich überhaupt ein eigenes Auto leisten konnten. 
Für den überwiegenden Teil der Bevölkerung kam für den Individualtransport sowieso nur die Straßenbahn, der Bus oder die Eisenbahn in Frage.